Das Streetfighter - Phänomen
Das Konzept des Streetfighters gibt es, seitdem es Motorräder gibt. Obwohl der
Fighter erst in den letzten Jahren als Ausdruck einer speziellen Form des
Customizing perfektioniert wurde, sind direkt vom Fließband kommende Motorräder
von einer Minderheit der Fahrer schon immer nur als Rohmaterial angesehen
worden. Diese Modelle sind nur Ausgangspunkte für die Kreation einer völlig
einzigartigen und zumeist auch kräftigeren Maschine, als sie irgendjemand in
seinem Schaufenster oder Laden anbieten kann. Der unwiderstehliche Drang zur
Individualisierung von Motorrädern ist nichts Neues, und er hat sich über die
zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in drei Hauptrichtungen manifestiert:
dem Cafe- Racer, dem Chopper und dem Streetfighter. Schon vor dieser Zeit war es
nicht unüblich, dass der Motorrad Enthusiast mit seiner Maschine zu einer
Veranstaltung fuhr, dort die Beleuchtung und das Kennzeichen abmontierte und
nach dem Anbau von Startnummern gegen Gleichgesinnte Rennen fuhr. Am Ende des
Tages machte er sich mit der gleichen Maschine wieder auf den Heimweg, die er
noch kurz zuvor gnadenlos um den Rennkurs gejagt hatte. Dies trat nicht nur auf
Straßenrennen zu. Es war eine Zeit, als Motorräder noch nicht so stark auf
besondere Aufgaben spezialisiert waren, eine Zeit, als nahezu jede Maschine
sowohl bei Straßenrennen, als auch bei Sprints oder Geländefahrten eingesetzt
werden konnten. Und sie wurden...... Zu Hunderten und Tausenden. Die Fünfziger
und Sechziger sahen die Geburt des von der Rennstrecke beeinflussten Cafe-
Racers, einer von der zeitgenössischen Jugend hervorgebrachten Maschine, mit der
man auf der Straße die Helden der Rennstrecken imitieren konnte. Weil diese
Motorräder von ihren Besitzern dazu benutzt wurden, sich schnellstmöglich von
einem Treffpunkt- Cafe zum nächsten zu bewegen, hatten sie ihren Namen bald weg.
Die Regeln waren einfach: Um die ganz wichtige rennmäßige Sitzhaltung zu
gewährleisten, wurde ein Serienmotorrad bis auf den Rahmen entkleidet und mit
einem großen Alutank, einem passenden Sitz, einem aus nach hinten gezogenen
Krümmer und Megaphon oder kurzem Konus- Topf bestehenden Auspuff, Aluminium-
Felgen und -Schutzblechen, Stummellenkern sowie zurückverlegten Fußrasten
bestückt.
Obwohl nahezu alle Motorradmarken einer Cafe-Racer-Behandlung unterzogen werden
konnten, waren doch die 500er und 650er Twins von Triumph, BSA und Norton die
bevorzugten Maschinen, schließlich hatten diese Marken aufgrund ihrer echten
Rennmaschine die größte Glaubwürdigkeit. Namen wie BSA Gold Star, Norton Manx,
Velocette Thruxton zergingen auf der Zunge. Die Krönung war die in einem
Norton-Federbettrahmen verpflanzte Antriebseinheit der Triumph Bonneville,
woraufhin das Gerät den Namen TRITON tragen durfte. Ironischerweise war der von
Rex McCandless erfundene Doppelschleifenrahmen in den vierziger Jahren für einen
Triumph-Motor konzipiert worden, doch weil Norton-Fahrer Artie Bell sehr gute
Erfahrungen mit diesem Fahrwerk gemacht hatte (>> Fährt sich wie ein Federbrett
<<), bestellte seine Firma nach dem Krieg McCandless in die Rennabteilung. Mit
diesem Rahmen konnte ab 1950 fast jeder Manx-Fahrer wesentlich stärkere
Maschinen hinter sich lassen. Doch erst als auch die 600er und 650er
Dominator-Serienmaschinen mit den Federbetten ausgerüstet wurden, waren diese
Fahrwerke auch für die Jugend erschwinglich.
Als die sechziger Jahre zu Ende gingen und sich immer mehr Autobahn-Schneisen
durch das Land zogen, verschwanden langsam die LKW-Cafes, die lange Zeit
traditioneller Motorradtreffpunkte waren, von den Landstraßen. Dies fiel
zusammen mit der Ankunft der schnellen und zuverlässigen Motorräder aus dem Land
der aufgehenden Sonne. Der erste Hammer war die vierzylindrige Honda CB 750,
darauf folgten in kurzen Abständen die Kawasaki Z 900 (>> Frankensteins Tochter
<<), Suzukis GS 750 und 1000, Hondas Reihensechszylinder CBX 1000 und Yamahas
überschwere XS 1000, um nur Beispiele zu nennen. Getunte englische Motoren
konnten sich beispielsweise Tom Christensons von einem Norton Commando-Motor
angetriebenen Dragster sehr lange bei amerikanischen Viertelmeilen-Rennen
behaupten.
Die japanischen Vierzylinder ermöglichten es den Speed-Freaks auf der ganzen
Welt, sich der Leistung zu bemächtigen, die vorher nur Werksteams und sehr
reichen Leuten vorbehalten war. Mit dem Erscheinen einer Honda CB 750 oder
Kawasaki Z 900 konnte nahezu jeder sein Erspartes auf den Tresen eines Händlers
legen und mit einem Motorrad vom Hof fahren, das leistungsmäßig fast keine
Wünsche offen ließ. Doch wieder gab es einen Zubehörmarkt und Leistungs-Gurus
wie Colin Seeley, Paul Dunstall, Dave Degens (Dresda) und die Rickman-Brüder in
England oder Eckert, Gläser und Rau in Deutschland und natürlich Fritz Egli aus
der Schweiz. Sie alle stellten Leistungs- und Zubehörteile für individuelle
Eigenbauten sowie verbesserte Fahrwerke gegen die damals typischen
Händlingsschwächen her.
Auf der Viertelmeile kamen die japanischen Reihen-Vierer auch als erstes groß
heraus - bei 400 Metern geradeaus machte sich ein schlechtes Fahrwerk nicht so
sonderlich bemerkbar. Bereits 1975 brach Russ Collins mit seinem von drei
Honda-Motoren und Lachgaseinspritzung angetriebenen Dragster die magische
Acht-Sekunden-Grenze.
Auf der Rennstrecke sah es mit den japanischen Leitungswundern dagegen ganz
anders aus. Schließlich hatte bereits mehr als zwanzig Jahre zuvor Norton mit
der Federbett-Manx bewiesen, dass viele Pferdestärken nichts nützen, wenn man
sie schlecht auf den Asphalt bringen kann. Und die japanischen Fahrwerke waren
nicht nur weich, sondern auch schwer. Spezialisten wie Dunstall, Dresda und Read
Titan boten zunächst Gabelstabilisatoren, Gussräder mit Qualitätsreifen, härtere
Stoßdämpfer und stabilere Schwingen an. Und es dauerte nicht lange, bis Rickman
und Seeley neben traditionellen Sportteilen wie großen Tank, kleinen Spitzen,
lauten Auspuffanlagen und Stummellenkern auch komplette Rahmenkits anboten.
Zu dieser Zeit kam erstmals der Begriff >> Superbike<< auf. Die Superbike-Rennen
kamen aus den USA, wo Serienmaschinen-Rennen wesentlich mehr beachtet wurden als
die von den Europäern favorisierten WM-Grand-Prix-Rennen. Obwohl Steve
McLoughlin das erste in Daytona abgehaltene Rennen auf einer BMW R 90S gewann,
waren es anschließend lange Zeit die großen und brutalen Vierzylinder der vier
japanischen Hersteller, mit denen die Pokale abgeräumt wurden. Und es gab
berühmte Werks-Maschinen - zweirädrige Raufbolde wie Eddie Lawsons grüne
Kawasaki Z 1000 oder Freddie Spencers Honda CB 900.
In den siebziger Jahren kamen erstmals amerikanische Teams nach Europa, zwar
fuhren Kenny Roberts und Barry Sheene Zweitakt-GP-Maschinen, doch Wes Cooley
hatte bereits eine Suzuki GS 1000 dabei. Und so dauerte es nicht lange, bis die
ersten Hobby-Schrauber ihre Superbike-Imitate auf die Straße brachten. Kawasaki
reagierte als erstes und brachte die Serien-Replika von Lawsons
Z 1000 heraus - natürlich grün.
Erstaunlicherweise begann zeitgleich mit dem immer stärkeren
Multizylinder-Motoren der Japaner die Ausbreitung des coolen Images der >>
gechoppten << Motorräder samt dem dazugehörigen Lebensstil. Nachdem der
Low-Budget-Film >> Easy Rider << auf beiden Seiten des Atlantiks in kürzester
Zeit Kultstatus erreicht hatte, begann nahezu jeder Biker mit einem Hang zum
Individualistischen von den umgebauten Panhead-Harleys von Peter Fonda und
Dennis Hopper zu träumen. Wahrscheinlich rettete dieser Boom die kränkende Firma
aus Milwaukee, doch auch die Japaner boten bald - zunächst in der
Low-Budget-Klasse und später als freche Kopierer des amerikanischen Originals >>
Werks-Custombikes << an. Der Begriff >> Custom << bedeutete eigentlich >>
individuell hergerichtet <<, doch die meisten Kunden begnügten sich damit, ihr
Custombike mit Teilen aus dem Zubehörmarkt zu verzieren.
Obwohl die Chopper (chopping = abhacken) wenig mit Hochleistungs-Motorrädern
gemeinsam hatten, waren es Leute aus dieser Szene, die erstmals ein Motorrad
bauten, das den Namen
>> Streetfighter << erhielt. Tiefergelegt und ausgerüstet mit einem
großvolumigen und bis zum Anschlag getunten Vier- oder Sechszylindermotor sowie
allen überflüssigen Zierrats (inklusive der Hinterradfederung) beraubt, sahen
die Maschinen mehr nach Dragster als nach Easy-Rider-Chopper aus. Die Besitzer
steckten ihr Geld lieber in die Erhöhung der Motorleistung als in Chrom- und
Lackteile. Die Maschinen wurden zu einem einzigen Zweck gebaut: Sehr sehr
schnell auf einer Geraden zum Ziel gelangen..... normalerweise zum nächsten
Cafe.
Als Suzuki 1985 seine ölgekühlte GSX-R 750 mit Alu-Fahrwerk herausbrachte, wurde
damit jedem gewöhnlichen Biker der Zugang zu einer echten Rennstrecken-Replika
ermöglicht. Die originale GSX-R 750 basierte auf dem Langstreckenrenner XR 69,
den Suzuki nicht öffentlich anbot. Die Leistungswerte von erschwinglichen
Motorrädern waren damit endgültig durch die 100 PS-Schallmauer gebrochen. Doch
ausnutzen konnte diese Leistung nur noch derjenige, der seine Maschine bei
Spezialisten fahrwerksmäßig verbessern ließ.
Aus ästhetischer Sicht müssen perfekte Streetfighter-Rahmen sicherlich aus
makellos verarbeiteten Alu- oder Stahlrohren gefertigt werden, wie sie Spondon
oder Harris in Gitterrohr-Bauweise anbieten. Zwar haben die japanischen
Hersteller im Fahrwerksbereich seit den siebziger Jahren viel gelernt, doch
schöner sind ihre Rahmen dadurch nicht unbedingt geworden. Die Grenzen moderner
Sportmaschinen liegen immerhin zumeist jenseits der Möglichkeiten der meisten
Besitzer.
Nicht nur das Handling einer Kawasaki Z oder Suzuki GSX-R aus den achtziger
Jahren kann durch den Einbau einer moderneren Upside-Down-Gabel, einer
Einarmschwinge und modernen Dreispeichenräder mit schwimmenden Bremsscheiben und
Mehrkolbensätteln verbessert werden, auch die Optik gewinnt merklich. Allerdings
ist es auch eine Tatsache, das beim Thema Leistungsgewicht viele selbstgebaute
Kreationen mit ihren modernen Fahrwerksteilen niemals mit der überragenden
Grazie und dem Handling einer serienmäßigen Honda Fireblade, Yamaha R1 oder
Kawasaki ZX 12 mithalten können. Was niemals geleugnet werden kann, ist die
Tatsache, dass das Styling von der Straße stammt. Die selbstgebauten Cafe-Racer
der fünfziger Jahre beeinflussten Serien-Sportmaschinen, wie etwa die BSA Rocket
Gold Star und die Norton 650 SS der sechziger Jahre. Auf ähnliche Weise sprangen
die Japaner Ende der siebziger Jahre auf den Chopper-Zug auf, um einen Teil des
Custom-Kuchens abzukriegen. Sie schufen eine Reihe enttäuschender und absolut
hässlicher Chopper-Imitate. Doch in den späten Achtzigern haben fast alle Söhne
Nippons rechtzeitig erkannt, dass großvolumige nackte Retro-Bikes mit reichlich
Drehmoment sehr populär waren, und so stellte man diese Sorte lammfrommer und
furchtsamer Motorräder her, nach denen sich das Publikum so lange gesehnt hat.
In den jüngeren Jahren haben Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha bis hin zu
Ducati, Cagiva und auch Triumph erkannt, dass abgespeckte Streetfighter der
letzte Schrei sind - folglich bot man mehr oder weniger verwässerte Imitationen
an - genau wie damals bei den Choppern.
Wie sieht die Zukunft des Streetfighters aus? Die ursprüngliche Lehre, den
Standart-Motor stärker, das Fahrwerk stabiler, die Reifen breiter und alles
leichter zu machen, ist ausgereizt. Der einzige Weg, die modernen
Serienmaschinen deutlich zu verbessern liegt darin, sie mit Komponenten
auszurüsten, die sich auch an WM-Superbikes oder GP-Rennern gut machen. Je
weiter das neue Jahrtausend fortschreitet, desto mehr ähneln die
Werks-Streetfighter den Straßen-Maschinen, die sie nachahmen sollten.
Kawasakis Eddie Lawson-Replika ZX 12 hat inzwischen einen 190 PS-Motor und
ersetzt die untermotorisierte ZXR 1100, Honda hat seine (übergewichtige) X 11,
Cagiva baut mit den Restbeständen von Suzukis TL 1000-Motoren die
Raptor-Modelle, Ducati stellt mit dem wassergekühlten 916-Aggregat die neue
Über-Monster her, bei der Triumph Speed Tripple bekommt man statt der
Streetfighter-Doppellampe einen >> normalen << Scheinwerfer nur gegen Aufpreis,
Yamaha toppt seien XJR 1300 mit der 1000er Fazer und Voxan schreibt sogar >>
Cafe Racer << an seine Maschinen.
Da Motoren heute für jeden Belang ausreichend stark sind (obwohl es weiter
heißen wird: >> Zuviel ist nie genug <<) und die Fahrwerke damit auch zurecht
kommen, bleibt nur eine Verbesserung des Stylings. Ob es eine Rückkehr zur
gestrippten Renn-Replika wird - als Zeuge tritt die füllige GSX-R 1000 der
früheren neunziger Jahre auf, oder ob sorgfältiges Styling in Mode kommt (wie in
Frankreich) - es scheint, dass die Tage der Rahmen-Kits gezählt sind. Die
Anforderungen an Rahmenspezialisten, das Handling zu verbessern, werden immer
komplizierter, seit die Hersteller ihre Konstruktionen und Herstellungsprozesse
so weit verbessert haben, dass auch ein Serienfahrwerk die Räder eines
aufgebohrten und mit Nitro-Booster versehenen Fighters in der Spur halten kann.
Es scheint berechtigt zu erwähnen, dass sich seit den Tagen der Cafe-Racer in
den fünfziger Jahren bis zu den Streetfightern, die heute von einer neuen
Generation von Freaks gefahren werden, viele Dinge im Kreis gedreht haben. Die
Parallelen zwischen beiden Konzepten sind offensichtlich. Beide wurden aus den
schnellsten Maschinen ihrer Zeit gebaut, und beide waren und sind schneller,
böser, klarer und unverschämter als alles, was ein Motorrad aus der Kiste jemals
bieten kann. Doch vor allem sind sowohl Cafe-Racer als auch Streetfighter
europäische Konzepte, und nicht wie die Chopper und ihre Ableger aus Amerika
importiert. Somit sind sie der transatlantischen Ideologie >> Zuerst die Form,
dann die Funktion <<, wie sie in den Siebzigern auf die Chopper und ihre
Nachkommen Einfluss hatte, nichts schuldig,
Streetfighter haben hingegen auf der ganzen Welt ihre Jünger bekehrt. Die
Amerikaner favorisieren aufgrund der populären Dragsterrennen (wie immer)
maximale Leistung, gefräste Räder und verlängerte Schwingen, besonders in den
Südstaaten. In Deutschland sind bunt lackierte Motoren und äußerst kurze
hochgezogene Hecks in Mode, Franzosen legen großen Wert auf perfekte Lackierung
und schickes Styling, während Briten ihre zumeist nackten flachen Maschinen mit
Insektenaugen lieben.
Mode und technischer Fortschritt bestimmen, wie und wann solche Trends sich
verstärken, und welche Richtung sie nehmen werden. Doch eins ist ganz sicher:
Solange es Motorräder gibt (wer weiß, was dem Gesetzgeber noch so einfällt),
wird es immer fantasiereiche Leute geben, die alles noch etwas unverschämter,
frecher und extremer machen müssen.
Willkommen in der Welt der Streetfighter.